Vom Sinn des Irgend.
Flüchtige
Bemerkungen zwischendurch.
von
Sandra Man
Unter dem Titel »Sensationen im Alleingang« wird
vom Wiener Künstler Moritz Majce am 28. Oktober 2005
für einen Abend ins »Cabaret Renz« gebeten. Die Einladung verspricht neben
Essen und Trinken einen »Abend voller Überraschungen, gestaltet von den Künstlern
selbst«, weiters »ein Erlebnis« und eine Ausstellung und all das bei freiem
Eintritt.
Das
»Cabaret Renz« verfügt als ehemaliges Bordell im oberen Stockwerk über mehrere
Separées, die von jeweils einem der insgesamt sechs teilnehmenden Künstler
bespielt werden. Am Stiegenaufgang sorgt ein Türsteher dafür, dass immer nur
ein einziger Besucher eintritt; durch die Wahl eines von mehreren zur Auswahl
stehenden Symbolen entscheidet er sich für den Besuch eines Raums. Die anderen
wird er nie sehen, ein nochmaliges Eintreten ist
ausgeschlossen und der Überblick über das Ganze der Veranstaltung somit
unwiderruflich verwehrt. Die im Eingangsbereich des »Cabaret Renz«
affichierten Regeln des Abends lauten entsprechend: »1. Nur einer geht rein. 2.
Auf sich allein gestellt muss jeder sich entscheiden. 3. Die Entscheidung ist
unwiderruflich und einmalig.«
Das Geschehen in den einzelnen Räumen wird nicht
dokumentiert, um den erwünschten
Ereignischarakter und die Einmaligkeit der Aktionen konsequenterweise auch im
Nachhinein nicht zu torpedieren. Eine Beschreibung der Vorgänge an diesem Abend
im Oktober 2005 wird daher auch im folgenden nicht geleistet. Eher geht es
darum zu zeigen, dass
seinesgleichen geschieht, als was geschieht.
Aktionsradius
I : Cabaret Renz
Der erste Gedanke beim Wort »Sensation« mag dem
gelten, was Aufsehen erregt; dem Spektakel, das die Menge anzieht, schockartig
unterhält, Spannung und Prickeln verursacht. Etwas weiter entfernt schon ist
die ältere, allgemeine und neutrale Bedeutung von »Sensation« als »Sinneseindruck«,
den der Betrachter empfängt. Im Zusammenhang mit Kunst macht die Sensation die
ihr innewohnende Ambiguität deutlich: Im ersten, aktuellsten Sinn, also als
Spektakel, ist sie zumindest im Rahmen von Avantgarde-Vorstellungen der Feind
alles Künstlerischen, haftet ihr doch der Verdacht des Massenkompatiblen, des
Verdummenden, kurz und in Adornoscher Diktion: des Kulturindustriellen an.
Sensationen können am laufenden Band produziert werden, sie sind immer neu,
immer aufregend und somit Erfolgsgarantien.
Als
»Sinneseindruck« ist sie jedoch Kerngebiet aller Kunst, die sich dem Betrachter
einprägen, seine Wahrnehmung ansprechen oder gar verändern will. Über die Sinne
tritt sie ein, zeigt ihm Schönes, Erhabenes, Hässliches; die Welt, wie sie ist,
sein könnte oder sein soll. Zuweilen greift sie hierbei zu drastischen Mitteln.
Zwischen der Sensation als Spektakel und der Sensation als künstlerischem
Instrument verläuft ein schmaler Grat, um den zu wissen zeitgenössische Kunst
nicht nur nicht umhinkann, sondern auf den hinzuweisen vielleicht zu ihrer
herausragenden Geste spätestens seit der Erkenntnis, dass es Massenmedien gibt,
gehört. Die Sensation als Spektakel wie die Sensation als Mittel der Kunst
verlangt Aufmerksamkeit; beide etablieren dafür Regeln. Wesentlich ist der
Unterschied im Umgang mit diesen Regeln: Einmal geht es um größtmöglichen
Regelkonformismus zur Gewährleistung des Erfolgsrezepts, ein andermal um das
permanente Vermeiden automatisierter und damit geradezu beruhigender
Wiedererkennbarkeit des immer Selben. Die Herausforderung ist es, der
zunehmenden Gefahr der Verwechslung zu begegnen.
Sensationen im Alleingang ist der Titel der skizzierten Gratwanderung. Der
Besucher wird vereinzelt und so zu einer Form der Aufmerksamkeit gezwungen, die
statt durch Überfülle von Mitteln und Menschen durch radikale Verknappung
erzeugt wird. Dient das Spektakel gemeiner Weise der Gemeinschaftsstiftung,
singularisiert Sensationen im Alleingang die Besucher. Der Alleingang, den jeder Besucher antritt, ist nicht
seine Individualisierung, sondern ein Oszillieren zwischen ihm als Einzelnem
und ihm als Wesen der Gattung »Besucher«. Seine Zugehörigkeit ist nicht
entscheidbar, der Alleingang ist nicht die Verabsolutierung des »Persönlichen«
gegenüber der »Masse«, sondern der Prozess eines Allein-werdens im Augenblick der Entscheidung, einen der Räume
zu betreten. Ein Ver-alleinen im verbalen Sinn, nicht ein allein-sein als
Status. Die gewohnt-gewöhnliche Sicherheit, die den
Kunstgenuss zumeist als kollektiven (Theater, Kino, Museum) veranschlägt, wird
zurück gelassen. Das Transitorische, der Übergang, die Passage vom
Einer-unter-Vielen zum Einer-allein ist der künstlich und dh hier: künstlerisch
eingesetzte Hebel, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, was gemeiner Weise
unbeachtet bliebe: das Werden als zwischen-zwei-Zuständen-sein; nicht mehr das
sein, noch nicht jenes sein – irgendwo dazwischen. Der Eintritt des
Einzelnen in eine ihm unbekannte Situation macht deutlich, was sonst
automatisiert abläuft und daher unsichtbar ist: das Betreten eines Museums,
einer Galerie, eines Theaters, eines Kinos. Überall wird eine Schwelle übertreten,
findet eine Transformation statt, selten aber richtet sich die künstlerische
Aufmerksamkeit darauf. Die Vereinzelung, die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten,
das Verhindern des Überblicks über das Ganze legt der Automatisierung
Hindernisse in den Weg, ist ein Akt (freundlicher) Sabotage.
Komplementär zum Besucher-werden ist das Künstler-werden: Erst wenn der Besucher eintritt, gibt es auch einen Künstler; ohne dieses Aufeinandertreffen findet Kunst hier nicht statt, gibt es keine »Produktion« und keinen »Produzenten« das »Kunstwerk« ist das Zusammenspiel zweier Vorgänge und widersteht der im Kunstkontext immer noch weitgehend üblichen Objekt-Betrachter-Situation. Im Fall der Sensationen im Alleingang gibt es nichts, das die Raumzeit des Aufeinandertreffens überdauern würde, kein Bild, das ungeachtet des Betrachters an der Wand hinge, keinen Film, der auch ohne Publikum gezeigt, kein Stück, das auch vor leerem Haus aufgeführt werden könnte.
Dabei geht es wohl gemerkt nicht um das
Verwischen der Grenzen im Sinne eines »jeder ist Künstler«, nicht um einen
Tausch der Positionen, sondern um das Aufzeigen des Moments, in dem und für den
diese Positionen sich überhaupt konstituieren: Wie werde ich zu einem Besucher, wie werde ich zu einem Künstler? Was geschieht, und nicht: wer ist wer, ein für alle mal. Die
fixen Einheiten dessen, was Kunst ist – nennen wir sie grob verkürzend:
Bild, Betrachter, Produzent – zurück zu lassen ist eine Sensation für sich. Eine, die anklingen lässt, dass die
Figur, die hier im Rhythmus der Sensationen entstehen kann, einem anderen Takt folgt als dem
gemütlichen Surren des Kunstbetriebs.
Sensationen im Alleingang ist eine Serie von Einmaligkeiten. Kunst als
Ausgesetzt-werden in eine Situation der Unberechenbarkeit, plötzliches Sehen im
Unvorhersehbaren. Was geschieht,
wenn Künstler und Besucher einander begegnen, ist nicht reproduzierbar, spielt
sich nur zwischen ihnen in
der Einmaligkeit ihres Aufeinandertreffens ab. Dass es geschieht ist die Serie, die an diesem Abend am 28.
Oktober 2005 im »Cabaret Renz« für über 200 Besucher und sechs Künstler Form
annimmt. Die Einmaligkeit der Konfrontation und ihre Wiederholung verschieben den Blick vom Was
auf das pure Dass. Dass es geschieht, und zwar mehrmals ist die Sensation. Das Was, der »Inhalt« der in
den Räumen »gezeigten« Aktionen wird zum Träger für das Geschehen selbst.
Irgendwo zwischen der
Einmaligkeit und der Wiederholung, zwischen dem Augenblick und der Serie, zwischen dem, was vergeht und was bleibt, dem Einzelnen
und dem Allgemeinen spielt sich das ab, worum es geht. Gäbe es nur eines der
beiden, schlüge man sich auf die Seite des Bestimmten, Konkreten, Einzigartigen
oder auf die des Allgemeinen,
Unspezifischen, Abstrakten entginge einem das Vibrieren, das die Dinge unsicher
und ihr Da-sein zu Sensationen macht. Zu Sensationen zwischen dem neutralen, beliebigen Sinneseindruck und
Sensationen als Aufregungen: Dass
es geschieht und nicht vielmehr nicht, erregt unsere Aufmerksamkeit, macht uns
staunen. Die Sensation als Sensation.
Hier
ist der Grund, warum entgegen jeder Ökonomie der Raison und unter Wahrung der
Integrität die Künstler nicht dokumentieren, was geschieht. Die Ahnung von
einem Geheimnis des Dass ist
nicht Geheimniskrämerei, sondern die Bewahrung der Flüchtigkeit des Geschehens
selbst. Unfassbar ist nicht nur der nicht fixierbare, vergängliche Akt, der
hier das Kunstwerk ausmacht, sondern auch dessen serielle Gestalt: Nie ist hier
das Ganze zu haben, weder wissen die Künstler, was in den anderen Räumen gerade
geschieht, noch weiß es der Besucher, der sich nur für einen entscheiden kann.
Die Welt, die Sensationen im Alleingang zu sehen gibt, ist immer eine fragmentarische, augenblickliche und
kein Bild einer ganzen, überschaubaren Ordnung.
Sensationen
im Alleingang entzieht sich
einer definitiven Genrezuordnung; Anspielungen auf Installation, Performance,
Happening und dergleichen lassen sich finden, was aber wenig Aufschluss gibt,
denn was bleibt, ist gerade nur eine Spur von etwas, das sich selbst für einen
bestimmten Zeitraum immer erst entwirft. Was an diesem Abend geschehen wird,
ist nicht prognostizierbar, eher entspricht es der Zeitlichkeit der Vorzukunft:
etwas wird gewesen sein, etwas wird geschehen sein. Die Vorzukunft ist nichts,
das sich je einholen ließe, sie ist irgendwann zwischen einem »zu früh« und einem »zu spät«: bevor man
einen der Räume betritt, geschieht nichts und sobald man ihn verlässt, ist es
bereits zu spät, das Ereignis noch einzuholen. Dass es geschehen sein wird, ist jener Moment in der Zeit, der nie »wirklich«
ist, jener Zeitpunkt, an dem man sich nie postieren kann, um zur Analyse,
Interpretation, Reflexion (dh zur Verteidigung) überzugehen, der »nur« einen Möglichkeitsraum
eröffnet ohne je fassbar und begreifbar zu sein. Das irritiert.
Der
Standpunkt, von dem aus man etwas betrachtet, der Fixpunkt, zumeist geteilt mit
anderen, der die sichere Distanz gewährleistet und das Geschmacksurteil ermöglicht,
stellt sich nie ein. Stets ist man im Zustand der Unsicherheit, des
Strauchelns, Stolperns, Überrumpeltwerdens. Eine Vorbereitung ist nicht möglich
und eine Nachbereitung schon nicht mehr im Geschehen. Die eigene Meinung ist
mit anderen nicht zu teilen, zumindest nicht so rasch und einfach wie im
Mechanismus der indifferenten Kunstbetrachtung gemeinhin üblich. Es liegt in
der Sache selbst, diese Automatismen beiseite zu lassen, um ein Moment neben
dem nur allzu gut funktionierenden Monument zu sein.
Eine
Attacke auf den Kunstbetrieb, der ihm innewohnenden Geschwindigkeit ist Sensationen
im Alleingang aber dennoch
nicht. Das hieße nicht nur eine falsche Bedeutung zusprechen, sondern sogar
zuviel der Bedeutung. Die Flüchtigkeit jenes Moments, da etwas geschieht, der
Entzug des festen Bodens der fassbaren Gegen-wart eines Gegen-stands der Betrachtung
lässt die Frage nach der Bedeutung nicht unbehelligt: Von wo aus soll denn hier noch beurteilt werden, was die Sensation bedeutet, was sie sagen will, worauf sie
verweist, was sie darstellt oder abbildet? Von wo aus ins Visier nehmen?
Das
Urteil setzt voraus, dass es ein Gegenüber gibt, das sich möglichst von allen
Seiten begutachten lässt, dessen Kontext man idealerweise kennt, das sich
vielleicht sogar erklärt und einem Hinweise, Indizien liefert auf der Suche
nach seiner Bedeutung. Kunst entkommt dieser detektivischen Jagd nach dem Verständnis
nicht, eher schon kommt ihr zumeist eine ausgewählte Position und Funktion im
Willen zur Bedeutung zu. Sie soll (und will) Aufschluss geben über die
Gesamtverfassung einer Zeit oder zumindest Gesellschaft, soll (und will) diese
zeigen und befindet sich nach wie vor im Großen und Ganzen der Relevanz. Selbst
als selbstgenügsame Kunst, heutzutage wohl eher als Design (das letzte Residuum
des Schönen?) erkennbar, entzieht sie sich nicht, es sei denn, schiere Indifferenz
schon als unterscheidendes Merkmal begreifen zu wollen. Gewöhnt an diese Umstände
begibt sich der Kunstbetrachter zumeist gehorsam auf eine Art Bedeutungsjagd,
sucht und sammelt eifrig kleine und große, subtile und plakative Hinweise, baut
sie in sein mehr oder minder großes Vorverständnis ein und prozessiert sie zu
einer Interpretation, der alsgleich das Geschmacksurteil folgt: relevant/nicht
relevant. Wofür? Für ihn selbst (berührend/kalt lassend), die Zeit
(aktuell/veraltet), die Gesellschaft (kritisch/affirmativ), die Welt
(realistisch/unglaubwürdig), die Kunstgeschichte (neu/schon gehabt) allemal.
Sensationen
im Alleingang werfen die Frage
auf, was geschieht, wenn der Referenzrahmen sich im und nur für dieses eine
Geschehen erst konstituiert und auch gleich wieder verschwindet, wenn der »Standpunkt«
ein Oszillieren ist und somit nicht feststeht. Wenn das Von-wo-aus und das
Wohin unsicher sind, anstatt die Richtung der Bedeutungsjagd vorzugeben, kurz:
wenn Kunst nicht Detektivspiel ist, der Künstler nicht der Täter, der
Betrachter nicht das Opfer und die Waffe nicht das Bild. Wenn
dieses Grundmuster funktionierender Kunstbetrachtung und -produktion nicht
angewandt werden kann, fragt sich: Was bleibt?
Aktionsradius
II: Die Kunst
In
einem »Die Kunst als Überrest« betitelten Vortrag stellt Jean-Luc Nancy die Frage »Was bleibt von der
Kunst?« Die Frage mag befremden,
boomt doch allerorts das Museum, erfreuen sich Biennalen und Kunstmessen
anschwellender Besuchermassen und scheint sich evidenterweise ein Überflüssigwerden
der Kunst nicht mehr abzuzeichnen. Nun überkommt einen zuweilen bei Gelegenheit
eines Besuchs solcher Institutionen allerdings das Gefühl völliger
Beliebigkeit, nicht nur der Werke und ihrer Ansammlung, sondern auch ihrer »Positionen«,
die zu demonstrieren sie nicht müde werden, was mitunter müde macht. Nicht,
weil es »nicht neu« ist, in der Kunst auf politische Missstände aufmerksam zu
machen, nicht, weil es »nicht neu« ist, sich im Theoriemarkt zu bedienen und
nicht, weil es »nicht neu« ist, sich zitierend auf die Vorgänger zu beziehen,
wird man müde, hungrig und durstig, sondern weil das »Position-beziehen« als
Verweisen-auf-etwas, das außerhalb des Kunstwerks sein soll, selbst die Aura
der Ausrede verströmt und somit unstimmig wirkt. Ausrede dafür nämlich, dass
zwar von der Kunst (selbst) immer noch zumeist verlangt und erwartet wird, sie
solle repräsentieren, solle darstellen, was traditionellerweise nur sie
darzustellen im Stande ist, was darzustellen ihr aber nicht mehr so recht
gelingen will, weil Unsicherheit darüber herrscht, was es denn nun sei, was sie
und nur sie überhaupt darstellen soll... Und wohl auch Unsicherheit darüber, ob
sie denn nun überhaupt darstellen soll und wenn nicht, was dann? Was dann, wenn
die übergeordnete Idee oder die Idee des Übergeordneten, Ganzen, der
Referenzrahmen, den wir alle teilen würden oder auch nur könnten, nicht mehr zu
finden ist? Und die aus dieser Idee abgeleitete Funktion der Kunst, als Teil
dieses Ganzen metonymisch auf es zu verweisen, es darzustellen, ihre Glaubwürdigkeit
verloren hat? Was, wenn die Aura der Ausrede: Position beziehen ohne noch
Glaubwürdigkeit beanspruchen zu können, einzig davon zeugte, dass es auf nichts
mehr zu verweisen und nichts mehr darzustellen, nichts mehr zu repräsentieren
und nichts mehr zu bedeuten gibt?
Sensationen
im Alleingang stellen nichts
dar, sie verweisen auf nichts, sie sind nicht festhaltbar, nicht festmachbar
und bedeuten nichts. Wahrscheinlich sind sie nicht einmal relevant, wenn
relevant sein heißt, ein übergeordnetes Kriterium erfüllen, einen Standpunkt
einnehmen. Sie eröffnen den unsicheren Raum des Irgendwo, das nichts von sich weiß, solange man nicht
dort gewesen sein wird und das heißt vorzukünftig: immer schon und immer nur
irgendwohin unterwegs sein. Sie schreiben sich ein in die aufgeworfene Frage »Was
bleibt von der Kunst?«, die Nancy beantwortet mit: ein Überrest. Kein Rest,
sondern ein Überrest. Wo ist
der Unterschied? Kunst mit der Aura der Ausrede, die dem Verlust der Glaubwürdigkeit
des Übergeordneten, Vereinenden, sei es Gott, die absolute Idee, der Staat, die
Gesellschaft, die Werte, die Politik oder jede andere tradierte Einheit damit antwortet,
immer noch für etwas stehen zu wollen und sei es auch für diesen Verlust, ist
ein Rest. Ein Rest von etwas, das verloren zu haben uns zwar orientierungslos
macht, aber das immerhin noch kollektiv: Wenn wir selbst zwar ständig und stets
Standpunkte einnehmen, Meinungen vertreten, Gesetze befolgen, Werte einhalten
und hochschätzen ohne noch so recht zu wissen, warum, also Resteverwerter längst
vergangener Hochzeiten sind, dann ist es zumindest beruhigend und bestätigend,
wenn es der Kunst nicht anders geht. Der Rest von etwas ist immer noch Zeichen
für etwas anderes, für das er steht, er ist Mangel, Abwesenheit. Der Überrest dagegen ist fast schon ein Zuviel, etwas,
das bleibt und nicht nur quantitativ mehr ist als nur der traurige Rückstand
vergangener Bewegungen, sondern etwas qualitativ anderes. So qualitativ anders wie Sensationen im
Alleingang nicht nur keine
summarische Einheit diverser Restformen wie Happenings, Performances oder
Installationen sind, sondern etwas anderes, das statt den Verlust zu betrauern und so in ihm verhaftet zu
bleiben unterwegs ist in ein unsicheres, flüchtiges, gewagtes Irgendwohin. Und zwar deshalb in ein Irgendwohin, weil man es auch tatsächlich nicht besser
weiß; das Irgendwohin gerade nicht als Ausrede und Willkür, sondern
als Infragestellen oder Ernst nehmen des längst in Frage gestellten Wohin als fixem Ziel, das vom nicht minder fixen
Standpunkt aus zu erreichen wäre. Das Irgendwohin als undefinierter Überrest eines Wohin und damit ein Unterwegs-sein in ein Fremdes und
Unbestimmtes, auf das das »irgend« hinweisen möchte, anstatt auf etwas
Bestimmtes noch zu verweisen. Eine Spur hinterlassen, nichts als diese Spur
sein, statt etwas abbilden oder darstellen ist das Charakteristikum einer Kunst
des Irgend, von der Sensationen
im Alleingang eine Ahnung geben.
In
der Beantwortung seiner Frage »Was bleibt von der Kunst?« macht Nancy den
Unterschied zwischen Spur als Überrest und dem abendländischen Bild als Abbild
deutlich, indem er auf das lateinische vestigium als Gegenstück zur imago zurückgreift. Vestigium bedeutet wörtlich so viel wie »Schuhsohle« oder »Fußsohle«,
»Spur« oder »Fußabdruck«. Ein Fußabdruck ist das, was bleibt von einem Schritt,
man sieht darin noch dessen Spur, den Fuß selbst aber nicht. Es zeigt die
Bewegung des Vorübergehenden an, wie dieser beschaffen ist aber nicht. Auch der
Schritt, der gesetzt wurde, ist selbst flüchtig, kaum tritt er auf, schreitet
er auch schon weiter. Theologisch ist das vestigium Dei im sinnlich Wahrnehmbaren, es ist die sinnliche
Welt als die von Gott geschaffene Welt; der Mensch dagegen ist das Abbild
Gottes, imago Dei, insofern
er ein geistiges Wesen ist.
Das vestigium ist sinnlich. In der imago ahmt Gott sich selbst nach, stellt sich selbst
dar, das vestigium dagegen bleibt,
wenn keine solche Selbstnachahmung stattfindet: die sinnliche Welt ist zwar von
Gott geschaffen, sie bleibt von ihm wie von einem Vorübergehenden, als Abbild
Gottes entsteht aber nur der Mensch.
Der
vielleicht seltsam anmutende Rekurs auf verstaubte theologische
Spitzfindigkeiten ist bei Nancy freilich nicht zufällig, lautet doch die Frage
in der extended version: »Was bleibt von der Kunst nach dem Tod Gottes?« Die
Abbildfunktion hat die Glaubwürdigkeit eingebüßt, weil wir den des Glaubens Würdigen
eingebüßt haben. Die Standpunkte und Positionen, die Repräsentationen und
Darstellungen auch noch des Verlusts sind letztlich Glaubensfragen. Diese zur subjektiven Angelegenheit
erklären und meinen, man könne als einzelner ja immer noch seinen Privatglauben
pflegen, ist nichts anderes als Symptom des Mangels an Verbindlichkeiten und
Glaubenssätzen und bleibt daher eben auch nur »subjektiv« gültig, was auch
immer ein solcher Glaube sein soll. Eine communio, dh eine Kirche mit
Sicherheit nicht. Wenn Gott tot ist, wie die wohl immer noch eben so unterschätzte
wie eingängige Formel für den Kulminationspunkt der abendländischen Metaphysik
– ihren Glauben an oberste Vorbilder wie Gott oder die absolute Idee und dessen Verlust – lautet, dann ist auch der
Mensch kein Abbild, keine imago Dei
mehr; eine Konsequenz, die die Angelegenheit brisant macht, weil es sich hier
nicht um Atheismus oder sonst ein »theologisches« Problem handelt. Das Bild als
Abbild hat in einem radikaleren Sinn seine Gültigkeit verloren als in einem »nur«
ästhetischen oder »nur« theologischen. Man wäre geneigt zu sagen in einem
ontologischen Sinn, würde sich nicht auch in jeder so genannten Lehre vom Sein
noch die vom obersten Seienden, von Gott also, verstecken, was es notwendig
macht, nicht nur eine andere
Kunst, einen anderen Gott,
sondern auch ein anderes Sein
zu denken. Und einen anderen Menschen.
Eine »Kunst«, einen »Gott«, ein »Sein« und einen »Menschen«, die das Fremde
begrüßen, das unbestimmte Irgend,
das als Überrest und Spur von etwas zeugt, das an ihm selbst aber nicht mehr
ablesbar ist, das es selbst auch
nicht ist.
Sensationen
im Alleingang sind der Versuch
und das Wagnis einer solchen Kunst als Überrest, weil sie irgendwo jenseits der
Darstellung und des Abbilds ein Kunst-Werden im Augenblick und für den Augenblick sind, weil sie sich der Frage nach dem Was? ihrer
Bedeutungstat nicht stellen, sondern diese Tat erst gar nicht begehen. Statt
dessen das Dass der Sensation
als sinnliches Da!sein... was? feiern? inszenieren? vielleicht: begrüßen?
In
der Flüchtigkeit dieses Grußes wird irgendetwas gegenwärtig, das nicht Mangel, Trauer, Rest, Verlust,
Orientierungslosigkeit abbildet und veranschaulicht und so auch tröstet,
sondern ein Staunen, vielleicht ein Befremden darüber, dass es geschieht.
In
diesem Augenblick des Grüßens steckt eine Ahnung davon, dass es irgendwohin geht, dass das Bild nicht das letzte Wort hat;
im Irgendwo schaffen und so
eine Welt eröffnen, gestalten, erahnen lassen, in dem Existenz nicht heißt
Vorbildern zu folgen und Nachahmer zu finden, sondern den Einzelnen und den
Moment als Fragment, als Spur, als Vorübergehenden, als Passanten, als eine Figur zu sehen.
All
das mag nach wenig klingen – und nicht laut zu sein, darin liegt
vielleicht seine Stärke. Im Alleingang, auf sich als ein vermeintlich Weniges
reduziert, ungeschützt und ausgesetzt erfährt der Besucher die Großzügigkeit
eines solchen Augenblicks, das Geschenk des Geschehens. Es ist das, was bleibt.