Sensationen im Alleingang erlebt man nur allein.
Was hier geschieht, geschieht nur einmal.
Was man hier erfährt, erfährt man nur zum Teil.
Am 10. Oktober 2006 fanden Sensationen im Alleingang zum zweiten Mal statt. Das Areal erstreckte sich diesmal über den gesamten zweiten Bezirk Wiens: Wohnungen, Büros, Lokale, Hotelzimmer und öffentliche Plätze wurden von sieben Künstlerinnen und Künstlern mit eigens für diesen Anlass vorbereiteten Installationen, Aktionen und Performances bespielt. Um am Alleingang teilnehmen zu können mussten die Besuchenden zuvor ihr Mobiltelefon abgeben und wurden anschließend einzeln per Taxi zu den Ereignisräumen gebracht. Dabei waren die Fahrten vom zentralen Platz der Begegnung, dem Zwischenraum im Lokal Tachles, hin zu den Ereignisräumen keine neutralen, losgelösten Transportwege, sondern selbst Teil einer dramaturgischen Inszenierung. Der Anspruch auf Vollständigkeit und Überblick blieb weiterhin versagt: Jeder Teilnehmende wurde nur ein einziges Mal in jeweils einen Ort des Gesamtgeschehens eingelassen, keine Einzelerfahrung vermochte einen Blick auf das Ganze zu werfen. Wollte man wissen, was die anderen Teilnehmenden erlebt hatten, stand es einem frei, im Zwischenraum mit ihnen Kontakt aufzunehmen – jede Erzählung bot dabei andere Ausschnitte, Bruchstücke, Perspektiven.
• Pressetext
| Zwischenraum |
Zeit |
Tachles Karmeliterplatz 1, A-1020 Wien |
10. Oktober 2006 18–24 Uhr |
| Konzept und Inszenierung |
Teilnehmende KünstlerInnen |
Moritz Majce Herwig Kopp |
Catrin Bolt, Andreas Duscha, Marlene Haring, Ronald Kodritsch, Herwig Kopp, Moritz Majce, Rüdiger Reisenberger |
In Kooperation mit
Akademie der Bildenden Künste Wien, Kulturförderung 2. Wiener Gemeindebezirk, Nordpol Taxi, Rema Print, Tachles, VIENNA BIENNALE 2006
Die Einzelaktion.
(Moritz Majce)
Begegnung im Alleingang.
Sensationen im Alleingang können nur allein, im Einzelgang erlebt werden. Es geht darum, die gewohnte Haltung des Rezipienten als Teil einer einem externen Schauspiel gegenüber unbeteiligten Zuschauerschaft durch den Einsatz anderer Spielregeln zu Fall zu bringen – ohne ihn dabei zu überrumpeln. Die auf Erklärung und Beurteilung abzielende, sichere Distanz, an der man als Ausstellungsbesucher unter vielen bei der Betrachtung eines Kunstwerks festhält, soll ausgesetzt werden – eine Art Umkehrung des Betrachterverhältnisses: hier geht es nicht ums Zuschauen, sondern um Vorgänge, um ein Geschehen, das den Betrachter anblickt und zur Antwort auffordert. Solange man sich in der arealen Inszenierung befindet, kann man nicht anders als teilzunehmen. Nicht so sehr das, was im einzelnen Erleben in Erscheinung tritt, ist dabei das Entscheidende, sondern dass es geschieht – der Masse von Beobachtern und Richtern eine Komplizin, einen Co-Akteur zu entreißen.
Verweigerung der Übersicht.
Jeder Einzelgänger kann nur ein einziges Mal in jeweils ein Teilstück der Aktion eintauchen. Dabei ist jede Begegnung für jeden Alleingänger anders und im buchstäblichen Sinn einmalig, jeder bekommt seine Fassung des Geschehens auf eigene und intime Weise. Die Künstler liefern keinerlei Erklärung, Information oder Interpretation zu den jeweiligen Situationen, geht es doch gerade um den Verzicht von Überblick, Verständlichkeit, Geschlossenheit und um das Zusammenspiel der Unüberschaubarkeit eines Ganzen mit der Öffnung auf den Augenblick.
Aufstellung des Areals.
Bei
Sensationen im Alleingang ist der umgebende Raum kein losgelöster, den Kontext stellender Ausstellungsbehälter, sondern Teil der Inszenierung. Bereits bei Betreten des Zwischenraums ist man im Geschehen, und auch die Wege zu den Ereignisräumen folgen einer Dramaturgie. Der dazwischen liegende Stadtraum wird zum erweiterten Aufführungsareal transformiert – und damit auch der Blick auf ansonsten Nebensächliches. Es geht um Situationen, in denen sonst eindeutige Grenzen verschwimmen und in denen ungewiss wird, wo Kunst beginnt und wo sie endet – darum, eine behauptete Neutralität von Zeit und Raum zu verunmöglichen. Kein für sich bestehender Container-Raum, der die Grenzen zwischen künstlerischer Inszenierung und rahmender Realität klar markieren würde, kein Jenseits der Bühne, in dem man seiner Zuschauerrolle versichert würde – alles ist möglicherweise Teil der Inszenierung. Kein Werk auszustellen, sondern ein Areal aufzustellen, darum geht es.
Eine flüchtige Gemeinschaft.
Wenn man herausfinden möchte was die anderen Einzelgänger erlebt haben, kann man mit ihnen im Zwischenraum Kontakt aufnehmen; keine Einzelerfahrung wird den den Blick auf das Ganze bieten, jede Erzählung enthält andere Ausschnitte, Bruchstücke, Perspektiven. Erzählt man einander aber, was man erlebt hat, ist man auch nicht mehr so rasch bei der Urteilsfindung – die zudem durch die ungewohnte Art der Beteiligung und die Unterschiedlichkeit des Erlebten erschwert wird. Letztlich geht es weniger um das richtige Zusammensetzen aller Einzelteile zum alles vereinigenden Gesamtbild, als um die Möglichkeit des Zustandekommens einer temporären Gemeinschaft aus den Erfahrungen der Alleingänge.
Einzelaktionen sind, was sie sind, nur für die direkt Beteiligten, die Aktion existiert nur in diesem vergänglichen Zeit-Raum. Es existiert daher auch keine Dokumentation der Aktion bzw. der einzelnen Ereignisräume, kein befried(ig)endes Interpretationsangebot für Außenstehende. Nach Beendigung der Aktion aufgenommene Fotografien der verlassenen Orte und Augenzeugenberichte der teilnehmenden Einzelgänger und Einzelgängerinnen bewahren Andenken und Geheimnis. Um mehr über das Geschehen zu erfahren, besteht weiterhin die Möglichkeit, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.
Zur
Arealen Aktion siehe auch
Apathie und Areal.
Teilnehmende KünstlerInnen:
Catrin Bolt
geboren 1979 in Friesach (A)
1997-2003 Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien
2006 Staatliches Förderstipendium in Rom (I)
2006 Kunst im Öffentlichen Raum, NÖ; Gestaltung des Rathaus Hochleithen, NÖ (2006)
Szpilman-Preis (2004)
Ausstellungen (Auswahl):
the lost good mood, Österreichisches Kulturforum, Warschau (2006)
mtkvari njet, National Art Center, Tbilissi (Georgien) (2006)
there is still something you should know, Galerie Winter, Wien (2005)
aus´gstellt is, galerie.kärnten, Klagenfurt (2004)
no show is an island, Rossek/Stahl, Frankfurt (2004)
Andreas Duscha
geboren 1976 in Heidenheim a. d. Brenz (D)
Studium der
Politikwissenschaften, Geschichte und Soziologie an der
Universität Münster
Studium der
Psychologie an der Universität Wien
ab 2000
an der Akademie der Bildenden Künste Wien bei Marina Grzinic -
Konzeptuelle Kunst
Birgit-Jürgenssen Preis (2006)
Ausstellungen (Auswahl):
Bin ich Gärtner oder Mensch, Galerie 5020, Salzburg (2006)
Update, Künstlerhaus, Wien (2005)
Dies ist kein Berg, Palast der Republik, Berlin (2005)
SchauSchau, Galerie Hilger, Wien (2003)
Sensationsfund im Untergrund, FMF, Wien (2002)
Marlene Haring
geboren 1978 in Wien (A)
1998-2005 Studium
Bildende Kunst/Medienbereich (Peter Kogler), Akademie der Bildenden Künste Wien
1999-2003 Künstlerische Tätigkeit als Halt+Boring gemeinsam mit Catrin Bolt.
Birgit-Jürgenssen Preis (2005), ISCP Stipendium New York (2006)
Ausstellungen (Auswahl):
wood, photographs, aluminium plate, LED, ..., Galerie Jocelyn Wolff, Paris (2006)
Vanitas, Marc de Puechredon, Basel (2006)
Unterspiel, Contemporary Art Gallery, Vancouver (2005)
3 fireplaces and 2 bath tubs, Schindler House, MAK Centre, Los Angeles (2004)
Vivent et travaillant à Vienne, Fri-Art Centre D´Art Contemporain, Fribourg, Schweiz (2000)
Ronald Kodritsch
geboren 1970 in Leoben (A)
1992-1997 Studium Akademie der Bildenden Künste, Wien (Prof. Gunter Damisch)
1996-2003 Konzerte mit der Künstlerband
Noch 3 km bis Lignano
1998-2000 Aktionen im öffentlichen Raum mit den
Poncho Brothers (mit Georg Pruscha)
2004 Paris-Stipendium des BKA
Ausstellungen (Auswahl):
1900–2000 Konfrontationen und Kontinuitäten, Sammlung Essl, Klosterneuburg (2006)
Lebt und Arbeitet in Wien II, Kunsthalle Wien (2005)
Grüne Bohnen, Galerie Brunnhofer, Linz (2005)
mene, mene, Galerie Paul Hafner, St. Gallen, Schweiz (2004)
Ghostpaintings – Experiments with truth, UBR Galerie, Salzburg (2002)
Herwig Kopp
geboren 1974 in Neunkirchen (A)
1998-2001 Studium
Neue Medien (Peter Kogler), Akademie der Bildenden Künste, Wien
1999 Diplomstudiengang
Kognitive Neurowissenschaften aus Philosophie, Medizin, Biologie und Psychologie
2000-2003 Institut für Hirnforschung,
Cognitive Neuroscience Group
2001-2002 Studium
Concept Art (Renée Green), Akademie der Bildenden Künste, Wien
Ausstellungen (Auswahl):
Zwischendrin. Mittendurch, thecrystalweb°lounge, Wien (2006)
Bundesländer Pavillion Österreich, Expo 2005, Aichi, Japan (2005)
Sensationen im Alleingang 1, Wien (2005)
Cathy Acker „it is not an interior affair“ (Kurzfilm), Pavelhaus, Laafeld (2004)
Suarhe, österreichisches Kulturforum, New York (2001)
Moritz Majce
geboren 1977 in Wien (A)
1998-2006 Studium
Bildende Kunst bei Peter Kogler, Constanze Ruhm (Akademie der Bildenden Künste Wien)
2004-
Philosophie
(Universität Wien)
2003 Städelschule (Frankfurt) bei Thomas Bayrle
1999-2002
Visuelle Mediengestaltung bei Karel Dudesek, Peter Weibel (Universität für Angewandte Kunst Wien)
1995-2000
Internationale Betriebswirtschaft (Universität
Wien)
Ausstellungen (Auswahl):
Zwischendrin. Mittendurch, thecrystalweb°lounge, Wien (2006)
Sensationen im Alleingang 1, Wien (2005)
Makroland, Serious Pop, Wien (2004)
320 X 240, Vis, Kroatien (2003)
Canal Bleu, Kassel (2002)
Rüdiger Reisenberger
geboren 1977 in Wien (A)
seit 1995 Studium
Philosophie an der Universität Wien
1998-2000 Studium
Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien
seit 2001 Studium
Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien
Ausstellungen (Auswahl):
Heimspiel, Moissigasse, Wien (2005)
Romantische Parasiten, Gars am Kamp (2005)
fotografie als kunst / kunst als fotografie/ kunstfotografie,
Akademie der bildenden Künste, Wien (2004)
522m3, Akademie der bildenden Künste, Wien (2004)
Real Presence, Belgrad (2002)